Les Viles tla Val Badia — Die Weiler im Gadertal

Am 13. Mai 2017, einem warmen Frühlingstag, fand die Frühlingsfahrt des Heimatschutzvereins Meran statt. Diese führte diesmal nach Ladinien, wo wir uns u. a. von der alten und neuen ladinischen Architektur und Siedlungsform vor Ort ein Bild machen wollten. Ziel unserer Fahrt waren das Dorf Enneberg-Pfarre, das Wohn- und Ferienhaus Pedevilla in Pliscia, die Weiler Seres und Miscì in Campill sowie das Ensemble Altwengen. Zu Unrecht werden mit dem Gadertal ausschließlich Aufstiegsanlagen, Skitreiben und Hotels assoziiert. In den Seitentälern abseits der Pisten ist die bäuerliche ladinische Kultur mit ihrer Sprache (badiòt), ihren Weilern (viles) und ihrer Gastfreundlichkeit sehr vital.

So machten sich 22 neugierige Mitglieder des Heimatschutzvereins Meran um 7.45 Uhr vom Praderplatz im Kleinbus von Tisner Reisen, gelenkt von der Chefin Heidrun Grüner, in Richtung Dolomiten auf.

Gran Ćiasa (Ansitz Moregg), Gaststube, La Pli de Mareo (Enneberg-Pfarre)

Erster Zwischenstopp war das Dorf Enneberg-Pfarre, ladinisch La Pli de Mareo, der heutige Pfarr- und ehemalige Gerichtssitz der Talschaft Enneberg. Die verdiente Kaffeepause genossen wir im alten Gerichtshaus, der Gran Ćiasa, einem der repräsentativsten Altbauten von Enneberg. Oberhalb des spitzbogigen Eingangs ins Wirtshaus ein Wappen, das tatsächlich einen Mohr darstellt (Anspielung auf den deutschen Namen Ansitz Moregg). Von der breiten Labe gehts links in die alte Gaststube. Die Dielen knarren, keine störende Dauerberieselung aus der Dose. Welch Wohltat. Draußen erkunden wir den alten Friedhof, wo sich fünf Kinder vom Weiler Ćianoré, die am 21.10.1918 der Spanischen Grippe erlagen, ein Grab teilen. Die Kirche selbst ist die Wallfahrtskirche zu Unserer Lieben Frau vom guten Rat. Votivbilder legen beredtes Zeugnis für die Erweisung des Bun Cunsëi durch die Gottesmutter ab. Widum, Wirt und Kirche bilden eines der schönsten Ensembles von Enneberg.

Auf schmaler Straße gehts talauswärts. Oberhalb und unterhalb die typischen Haufenhöfe, Viles (Weiler) genannt. Feuer- und Futterhaus von mehreren Besitzern gruppieren sich ringförmig um einen Platz mit Viehtränke, Backofen. Brach, Ćiaseles, Alnëi, Frontü, Biei… lauten ihre ladinischen Namen.

Wohnhäuser Pedevilla, Pliscia (Plaiken)

Ein besonderes Augenmerk legt unser Verein auf die zeitgenössische Architektur. Das Architekten-Ehepaar Armin Pedevilla und Caroline Willeit haben im 23-Seelen-Weiler Pliscia (dt. Plaiken) ein Wohnhaus und ein Ferienhaus errichten lassen, direkt an der alten Straße von Maria Saalen nach Enneberg. Armin Pedevilla erbte einen baufälligen Bauernhof mit Stadel und errichtete an dessen Stelle zwei Baukörper, die sich in Größe und Form (Satteldach) an die traditionellen Hausformen vor Ort anlehnen – ausgenommen das fehlende Vordach. Die modernen Wohngebäude fallen außen durch eine schwarze Holzfassade auf, die Materialien im Innenbereich bestehen aus Weißzement und Zirbenholz. Manche von uns erklimmen die steilen Wiesenhänge um beste Fotopositionen für die Wohngebäude zu erhaschen, die sich mit viel Feingefühl in die gebaute Landschaft einfügen. Ein hervorragendes Beispiel für das „Weiterbauen am Land“. Zudem schallt Kinderlachen aus den Häusern, was den kleinen Weiler sichtlich lebendig erhält. Der Peitlerkofel (lad. Pütia) indes ziert sich noch ein wenig, die Wolken geben aber peu à peu seinen bienenkorbförmigen Gipfel frei (das ladinische Sas da Pütia kommt vom althochdeutschen piutta „Bienenkorb“). Der Nordwestpfeiler der Dolomiten beherrscht den Horizont und wird uns den ganzen Tag über begleiten.

Auf der Rückfahrt Postkartenmotive: Der Weiler Curt mit Kirche, dazwischen wechseln sich Talsenken mit dunklen Fichtenwäldern und hellgrünen Wiesenrippen ab.

Der Mittag naht. Die Fahrt führt uns zurück nach Zwischenwasser (lad. Longega), wo wir in das Haupttal, das von der Gader durchflossen wird, abbiegen. Unter dem auf einem Hügel thronenden Schloss Thurn schlagen wir den Weg in das kleine Campilltal (lad. Lungiarü) ein, wo wir im Gasthaus La Furnata Mittagspause halten. Die Pizzas und Bruschette trudeln langsam ein und gestärkt fahren wir zum prachtvollen Talschluss, wo wir bei einem restaurierten Kalkofen unseren 22-Sitzer parken.
Wir haben die Ehre von Giovanni Mischi durch das Mühlental (lad. val di morins) in Campill geführt zu werden. Giovanni wohnt beim Maier im Weiler Miscì. Der Vater von zwei Kindern ist Germanist und arbeitet beim Ladinischen Schulamt sowie an der Universität Bozen. Er ist Autor des Wörterbuchs „Gadertalisch-Deutsch“.

Nach einer kurzen ladinisch-deutschen Vorstellung bei der untersten Mühle berichtet uns Giovanni in faszinierender Art und Weise von der traditionellen Architektur im Gadertal und besonders hier in Campill. Wir befinden uns auf über 1500 m Höhe in einem rauhen Bergklima. Die Bergumrahmung ist beeindruckend: Antersasc, Crëp dales Dodesc, Capuziner, Piz Duledes, Piza da Pöz, Geisler, Peitler – bis an den Bergfuß noch schneebedeckt. Der Weiler Seres ist ein Muster-Weiler, der bis zum heutigen Tag „intakt“ geblieben ist. Die Futterhäuser nehmen die sonnigste Lage ein und weisen die lokaltypische Pilzform auf: unten schmal gemauert, oben der breite sonnige Söller, wo das Getreide, das hier bis in die 1970er Jahre angebaut wurde, getrocknet werden musste. Eine wichtige proteinhaltige Nahrungsergänzung bildete der Anbau von Bohnen, deren Büschel an hohen Holzgestängen, den favà, getrocknet wurden. Wir betreten den „Innenhof“ von Seres: Brunnen (fistil) und Backofen (furn da pan) werden als Gemeinschaftsbesitz benutzt. Außer den Feldern besitzen die früher 8 Bauern von Seres noch Bergwiesen, Lärchenwald sowie Almen unterm Peitlerkofel. Außerhalb der vila macht uns Giovanni auf Kalkgruben sowie kleine Scheunen (Ćiac) aufmerksam, in denen Bauholz für den Fall, dass einmal ein Großbrand den Weiler einäschern sollte, als Reserve gelagert wird. Wir wandern ins Mühlental mit den Mühlen von Seres und Miscì. Am Weg findet der rege Gedankenaustausch seine Fortsetzung. Dankbar für die faszinierenden Einblicke in eine uns neue Welt, erhalten wir als Geschenk ein künstlerisch wundervoll gestaltetes Buch namens Larjëi über die bäuerliche Kultur von Campill. Immer wieder betont Giovanni Mischi, dass das Leben als Bauer nicht leicht sei. Man müsse als Familienvater ein gutes Einkommen haben, andererseits besteht auch die Gefahr, dass Vorzeigeweiler wie Miscì oder Seres zu Zweitwohnsitzen werden und damit zum Freilichtmuseum.

Nach diesen Einblicken fahren wir wieder talaus und dann nach Wengen (lad. La Val), wo wir die engen Bergstraßen erklimmen und unseren 22-Sitzer an einem weiteren Logenplatz parken. Wir befinden uns im Ensemble Altwengen, der aus dem Lüch de Tolpëi, dem alten Schulhaus, dem Widum und der alten Kirche St. Genesius, von der nur mehr der Kirchturm und das Beinhaus zeugen. Die alte Kirche wurde nämlich im 19. Jahrhundert aufgegeben, nachdem man die größere Kirche im heutigen Dorf Wengen errichtete. Ganz untirolerisch ließ man die alte Kirche verfallen, so dass sie schließlich abgebrochen wurde.
Eine erste Kostprobe ladinischer Gastfreundschaft genossen einige unserer Gäste bei Pio im Widum von Altwengen. Speck und Schnaps wurden gereicht, weil man sich von früher kennt.

Am Geländeeck thront die Knappenkirche Santa Bèrbura (St. Barbara), wo sich wiederum Postkarten-Ausblicke in Richtung Peitlerkofel und Geisler ergeben. Smartphones werden gezückt. In Sichtweite der Weiler Ćians. Kurz entschlossen wandern wir über die grünen Felder zum Lüch de Survisc. Der Erbhof der Familie Vallazza bietet spëisa da paur. Anna Maria führt in ihrer kleinen Küche das Regiment, es wird alles frisch zubereitet, mit viel Liebe serviert, es mundet hervorragend: Gerstsuppe, Tutres (Tirtlan gefüllt mit Kraut, Topfen, Spinat, Mohn), Cajinci arstis (Schlutzkrapfen), hofeigenes Gulasch und Knödel sowie Süßes zum Nachtisch und dazu del bun vin cöcen!

Unsere umsichtige Fahrerin Heidrun Grüner brachte uns gewohnt sicher nach Meran zurück. Ein erlebnisreicher Tag zwischen Architektur, bäuerlicher Kultur und Gastronomie in Ladinien neigte sich seinem Ende zu.

Text: Johannes Ortner, Fotos: Manfred Ebner

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